Moderne Sklaven – vier Fälle

Tages Anzeiger – 17.10.2017

Pass weg, Schulden, kein Lohn: Wie in der Schweiz Menschen zu unwürdigen Bedingungen arbeiten.
Sie arbeiten überall dort, wo es dreckig ist, gefährlich oder entwürdigend. Sie hausen in kleinsten Abstellkammern und schlafen auf dünnen Matten am Boden. Sie träumten von einem besseren Leben in einem fremden Land – und wurden stattdessen unsichtbar. Moderne Arbeitssklaven führen unbemerkt von der Öffentlichkeit eine Existenz unter widrigen Bedingungen. Auch in der Schweiz. Wie viele es hierzulande sind, lässt sich wegen der hohen Dunkelziffer nicht sagen. Aus den aufgedeckten Fällen schliessen die Behörden jedoch, dass das Ausmass weit grösser ist als bislang angenommen. Darum ortet die zuständige Expertengruppe Greta des Europarats Handlungsbedarf. Die Schweiz tue bisher zu wenig, um den Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung zu bekämpfen, schreibt sie in ihrem aktuellen Länderbericht.

Inspektoren schauen weg
Das soll sich nun ändern: Mit dem zweiten Nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel gibt es erstmals eine schweizweite Strategie, um Betroffene besser zu erkennen. Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 die Branchen und die Arbeitsinspektorate zu sensibilisieren. So soll etwa ein Leitfaden helfen, die Opfer zu identifizieren. Denn häufig sei ihre Notlage nicht auf den ersten Blick sichtbar, und im Unterschied zum Menschenhandel für die Zwangsprostitution sei das Phänomen in der Schweiz kaum bekannt, sagt Cathy Maret, Sprecherin des Bundesamts für Polizei (Fedpol). «Zu oft gehen die Kontrolleure heute davon aus, dass sie einen Schwarzarbeiter mit Dumpinglohn statt ein Opfer von Menschenhandel vor sich haben, das zu ausbeuterischen Bedingungen schuftet», sagt Emilie Ballestraz von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Bern. Und Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) kritisiert: «Die Arbeitsinspektoren interessieren sich schlicht zu wenig für die Situation dieser Personen; sie werden primär als Täter und nicht als Opfer gesehen.» Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine unlängst erschienene Studie im Auftrag des Fedpol. Zur Bekämpfung der Arbeitsausbeutung müssten die Arbeitsmarktbehörden und Sozialpartner stärker eingebunden werden, heisst es dort. «Die Erfahrung zeigt, dass die Zahl aufgedeckter Fälle nur dann steigt, wenn verstärkt kontrolliert wird, weil die Opfer derart unter Druck stehen, dass sie meist nicht selbst Anzeige erstatten», sagt Co-Autorin Johanna Probst.

In vier Branchen verbreitet
In der Studie zeigen die Forscherinnen der Universität Neuenburg erstmals auf, welche Mechanismen beim Menschenhandel in der Schweiz spielen: Demnach ist die erzwungene Arbeitsausbeutung in den untersuchten Kantonen Zürich, Bern, Genf und Tessin vor allem auf dem Bau, in der Gastronomie, Haus- und Landwirtschaft verbreitet. Je nach Branche unterscheiden sich die Herkunft und das Geschlecht der Opfer.
Auf dem Bau sind es häufig Männer aus Osteuropa; sie arbeiten unter gesundheitsschädigenden und sicherheitstechnisch unzulässigen Bedingungen und werden gar nicht oder höchstens sehr schlecht bezahlt. Das oft unübersichtliche Geflecht von Subunternehmen auf den Baustellen erleichtert den Menschenhändlern ihr Geschäft. Sie werben die Männer unter falschen Versprechen in Polen oder Rumänien an und lassen sie in der Schweiz in leer stehenden Rohbauten übernachten. Auf diese Weise halten sie ihre Kosten tief, den Lohn streichen sie selber ein.
Im Gastgewerbe sind sowohl Männer wie auch Frauen betroffen; sie sind etwa als unbezahlte Küchenhilfen oder Putzkräfte unter arbeitsrechtlich verbotenen Bedingungen tätig. Aufgedeckt wurden zum Beispiel Fälle in chinesischen und indischen Restaurants oder in einer türkischen Bäckerei. Die Opfer stammen in der Regel aus dem gleichen Land wie die angebotene Küche der Restaurants.
In Privathaushalten werden vorwiegend Frauen aus Afrika, Südamerika und Osteuropa ausgebeutet. Sie putzen, kochen und hüten unentgeltlich Kinder, haben nicht ausreichend Ruhe- und gar keine Freizeit. Häufig werden sie jahrelang eingesperrt; physische Gewalt ist verbreitet. Bekannt wurden in den letzten Jahren zum Beispiel Fälle aus dem internationalen Genf, in denen Diplomaten «Haussklaven» aus ihren Heimatländern geholt hatten. Weil es spezialisierte Opferhilfestellen für Frauen gibt, sind die Fälle in diesem Bereich am besten dokumentiert.
In der Landwirtschaft handelt es sich meist um männliche Erntehelfer oder Stallknechte vorab aus Osteuropa, die nicht oder allenfalls summarisch viel zu tief entlöhnt werden. Sie müssen in der Regel im Stall oder im Auto neben dem Feld übernachten. Weil die Landwirtschaft wie die Privathaushalte vom Arbeitsgesetz ausgenommen ist und die Opfer sich in isolierten Räumen bewegen, haben die Ausbeuter leichtes Spiel.
Trotz der Branchenunterschiede ist allen Opfern eines gemeinsam: Sie haben gemäss Fachstellen einen ungesicherten Aufenthaltsstatus und waren bereits in ihrer Heimat in finanzieller Not. Deshalb sind sie stark abhängig von ihren Arbeitgebern. Diese stammen oft aus demselben Herkunftsland wie die Opfer, die sie über Bekannte unter falschen Angaben anwerben und in die Schweiz holen, wie Ballestraz von der IOM sagt. In der Landwirtschaft und in den Privathaushalten sind die Täter jedoch häufig Schweizer. In solchen Fällen werden die Opfer über Kleinanzeigen oder Vermittlungsagenturen angeworben.

Zunahme der Fälle erwartet
Experten sind überzeugt: Das Phänomen wird in Zukunft häufiger auftreten. «Der Bedarf nach günstiger Betagtenpflege und Kinderbetreuung steigt in der Schweiz», sagt etwa Anne Marie von Arx-Vernon, Direktorin des Genfer Frauenhauses Au Cœur des Grottes, die über 200 Betroffene kennt. Schon heute seien 70 Prozent der Menschenhandelsopfer in ihrer Einrichtung befreite Arbeitssklavinnen. Alexander Ott, Polizeiinspektor der Stadt Bern, spricht zudem von einem «riesigen Potenzial» im Dienstleistungsbereich – etwa bei Coiffeursalons oder Nagelstudios, die sich oft mit auffallend günstigen Angeboten konkurrenzieren. Angesichts dieser Aussichten plädieren Behörden und Fachleute übereinstimmend für eine Gesetzesänderung. «Die jetzige Rechtslage scheint wenig abschreckend zu wirken», sagt Forscherin Probst. Heute gibt es keinen auf krasse Arbeitsausbeutung zugeschnittenen Straftatbestand. Deutschland, Frankreich und Grossbritannien haben bereits 2016 gehandelt: Sie stellen den Sachverhalt nun unter Strafe.

4 Beispiele moderner Sklaverei

Schläge statt Studium
Lola (27) träumt von einem Studium. Sie lebt in Armut in Bolivien, als eine Bekannte ihr ein verlockendes Angebot macht: Sie darf in der Schweiz die Kinder eines reichen Paars hüten. Dafür werde ihr eine Ausbildung finanziert. Die 27-Jährige zögert nicht, zumal der Mann Schweizer und die Frau Bolivianerin ist – das wird ihr das Leben im fremden Land erleichtern, glaubt sie. Doch es kommt anders: Das Paar nimmt Lola bei der Ankunft in Genf den Pass weg, sperrt sie ein und hält sie zwei Jahre als Haussklavin. Sie muss 20 Stunden pro Tag arbeiten; sie kocht, wäscht, putzt. Wenn ihre Arbeitgeberin schlecht gelaunt ist, verprügelt sie die junge Frau und verbrüht ihre Haut mit kochendem Wasser. Lolas Albtraum endet, als eine Nachbarin die Schreie nicht länger ignoriert. Im Frauenhaus Au Cœur des Grottes kann sie sich erholen und eine Ausbildung machen. Das Paar wird arbeits- und strafrechtlich verurteilt. Lola lebt wieder in Bolivien.

Balkon statt Bett
Elena (22) wächst auf dem Land im Osten Europas in einfachsten Verhältnissen auf. Schon als Kind hilft sie auf dem Acker, die Schule besucht sie nur kurz. Als sie 20-jährig ist, stellt ihre Mutter über Bekannte den Kontakt zu einer Familie in der Schweiz her. Elena soll dort in einem Privathaushalt arbeiten. Die junge Frau hat Respekt vor der Reise, freut sich aber auf das viele Geld, das ihr versprochen wird. Kaum in der Deutschschweiz angekommen, merkt sie, dass sie angelogen wurde. Sie muss rund um die Uhr arbeiten und darf nur essen, was vom Familientisch übrig bleibt. Zur Strafe muss sie jeweils auf dem Balkon übernachten. Einen Lohn erhält sie nie. Dafür wird sie geschlagen, beschimpft und bedroht. Als einem Nachbarn die Spuren ihrer Misshandlungen auffallen, schaltet er die Polizei ein. Diese bringt Elena zur Opferschutzorganisation FIZ. Das Ehepaar wird wegen Menschenhandels und Körperverletzung verurteilt.

Küche statt Schule
Mirja studiert an der Uni Ulan Bator in der Mongolei, als ihr Vater stirbt. Die 19-Jährige muss die Ausbildung zur Lehrerin abbrechen und sich um die elf kleinen Geschwister und die behinderte Mutter kümmern. Das Geld reicht nirgends hin. Deshalb überlegt sie nicht lange, als ein Europäer ihr einen gut bezahlten Job in einem Restaurant im Kanton Bern verspricht. Mit dem Geld könne sie ihre Familie und das Studium finanzieren. Der Mann organisiert die Reise. In Bern nimmt ihr der Restaurantchef den Pass ab und sagt, sie gehöre nun ihm. Mirja muss hart arbeiten, im Service, in der Küche, bis in die Nacht und ohne Freitage. Sie erhält einen Stundenlohn von 3.50 Franken. Bei einer Kontrolle der Polizei und Arbeitsmarktbehörden fällt Mirja auf. Zurzeit prüft die Stadtberner Fremdenpolizei, ob ihr eine Aufenthaltsbewilligung erteilt wird oder ob eine Rückkehr möglich ist. Gegen den Restaurantbetreiber läuft ein Verfahren.

Schulden statt Lohn
Kamal (21) sucht Arbeit im Ausland, weil er in seiner Heimat Bangladesh nur schlecht bezahlte Jobs findet. Der 21-Jährige stösst im Internet auf eine Stelle als Kellner in der Schweiz. Er bezahlt der Vermittlungsagentur eine hohe Gebühr. Bei seiner Ankunft zerschlagen sich die Träume: Kamal muss über 15 Stunden pro Tag arbeiten und schläft mit fünf Personen in einem Hinterzimmer des Restaurants. Fragen nach dem Lohn beantwortet der Chef mit Drohungen. Weil Kamal wegen des Flugs und der Vermittlung verschuldet ist, hofft er weiter auf das Geld. Ein Gast sieht, wie entkräftet er ist, und bringt ihn zur Polizei. Diese verweist ihn an eine Opferhilfestelle, wo er Hilfe bei der Stellensuche erhält. Dieses Beispiel stammt aus einem Informationsbus zum Thema Menschenhandel, der ab 18. Oktober ein Jahr durch die Schweiz fährt, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. (rbi)
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