Arbeitssklaverei in der Schweiz: Jetzt greift die Polizei durch

Der Bund – 17.10.2017

Die Schweiz hat bisher zu wenig gegen die Zwangsausbeutung von Arbeitern unternommen. Jetzt setzen die Behörden Spezialisten ein, die in verdächtigen Branchen deutlich mehr kontrollieren. Menschenhandel hat man in der Schweiz bisher vor allem mit Zwangsprostitution in Verbindung gebracht. Wenig bekannt ist hingegen, dass auch Menschen in anderen Branchen unter Zwang ausgebeutet werden. Betroffen sind das Bau­gewerbe, der Gastrobereich, die Haus- sowie die Landwirtschaft. Die zuständigen Behörden sind überzeugt: Die bislang aufgedeckten Fälle sind Indizien für eine hohe Dunkelziffer. Deshalb rüsten sie nun im Kampf gegen Menschenhandel mit Arbeitssklaven auf. Die Kantonspolizei Zürich etwa hat Spezialisten ausgebildet, die bei Verdacht ermitteln. Seither würden mehr Opfer identifiziert, sagt Sprecherin Carmen Surber. Nicht zwingend weil es tatsächlich mehr Betroffene gebe, sondern weil umfassender kontrolliert werde. Zurzeit sind allein in Zürich mehrere Verfahren, vorab im Baugewerbe, pendent. Auch Bern geht gezielt vor: Die zuständigen Polizeieinheiten führen im Verbund mit den Arbeitsmarktbehörden und den Gewerkschaften Kontrollen durch – und haben mehrere Fälle in der Lebensmittelproduktion und bei Beauty-Dienstleistern aufgedeckt, wie Alexander Ott, Polizeiinspektor der Stadt Bern, sagt.

Aktionsplan gegen Menschenhandel
Mangelnde Sensibilität attestieren ­Opferhilfestellen hingegen den Arbeitsmarktbehörden. «Wenn man die Opfer nicht sehen will, sieht man sie auch nicht», sagt etwa Anne Marie von Arx-Vernon vom Genfer Frauenhaus Au Cœur des Grottes, wo 70 Prozent der Opfer von Menschenhandel krasser Arbeitsausbeutung entflohen sind. Es brauche politischen Willen und genügend Ressourcen, um bei Schwarzarbeit konsequent zu kontrollieren, unter welchen Bedingungen die Betroffenen tätig seien, sagt Rebecca Angelini, Sprecherin der Fachstelle Frauenhandel und Frauen­migration (FIZ). Mit dem zweiten Nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel soll sich das nun ändern. Ziel ist es, bis 2020 die Arbeitsinspektoren und Branchen zu schulen. Entsprechende Massnahmen würden zurzeit aufgegleist, sagt Fabian Maienfisch, Sprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Arbeitsausbeutung spiele auch die Öffentlichkeit – Nachbarn oder Kunden etwa, sagt Emilie Ballestraz von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Ab morgen wird die IOM deshalb ein Jahr lang mit einem Infobus durch die Schweiz fahren.

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